Gottesdienst am Karfreitag, 18.04.25

 
Gottesdienst am Karfreitag,  18.04.2025  18:00 Uhr in Lichtenau mit Pfarrer Thomas Müller
 
 
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Lied 81,  Strophen 1 – 4     Herzliebster Jesu…
 
Begrüßung
 
Lied 86,  Strophen  1 + 8    Jesu, meines Lebens Leben
 
Gebet
Barmherziger Gott!
Du wartest nicht, bis wir den Weg zu dir finden,
sondern du suchst uns auf –
wo wir und wer wir sind,
wie wir geworden sind.
Unserer Selbstsucht und unseren Halbwahrheiten
Setzt du dich aus.
Wo wir hassen, liebst du;
Wo wir nur an uns denken, verschenkst du dich.
Du wirbst um uns, damit wir uns versöhnen lassen.
Du stirbst für uns, damit wir leben.
Du regierst die ganze Welt
Und trägst doch für uns die Dornenkrone.
Wir danken dir für dein Leiden und Sterben. Amen
 
Psalm 709.1
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
    Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
    und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Du aber bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.
    Unsere Väter hofften auf dich;
    Und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
    Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
    Denn es ist hier kein Helfer.
Aber du, Herr, sei nicht ferne;
Meine Stärke, eile, mir zu helfen!
 
Lied 91, Strophen 1 – 4
 
Predigt          Joh. 19,  16 – 30
„Es ist vollbracht!“ – wie ein großer Schlußakkord, liebe Gemeinde, so klingen die Worte des sterbenden Herrn.
Es ist vollbracht – im Rückblick auf die ausgestandenen Leiden und Schmerzen klingen diese Worte wie eine Befreiung, wie eine Erlösung: es ist ausgestanden, es ist überstanden, was Menschen ihm angetan haben. – Aber diese Deutung allein sagt zu wenig. Es steckt mehr darin als nur ein letztes „geschafft“.
Vollbracht ist das ganze irdische Werk Jesu: Die Hingabe voll Vertrauens an den himmlischen Vater und die Liebe zu den Seinen bis zum Ende, bis zum Dienst der Erniedrigung (vgl. Joh 13)
Errungen ist der Sieg der göttlichen Liebe inmitten von Hass und Ungerechtigkeit, Sinnlosigkeit und Selbstzerstörung. Leiden und Tod sind damit noch nicht beseitigt, zu viele Kreuze werden noch errichtet – in ihnen aber begegnet uns verborgen die Erfahrung von Karfreitag, Gottes umfassende Macht und Gnade. Seine Barmherzigkeit geht bis zum Äußersten und will gerade dort erlebt und entdeckt werden. Und in diese Geschichte seiner Liebe will uns der Gekreuzigte hineinziehen. Denn die Macht des Bösen ist schon gebrochen – wir dürfen die Welt im Zeichen des Kreuzes, im Licht der Befreiung sehen. Diese Sicht ermöglicht uns dann die Parteinahme für Leidende, gibt Kraft zum Verändern, schenkt Mut zum Widerstehen.
Es ist vollbracht – das meint auch: Es ist nun vollendet und zum heilvollen Abschluß gebracht, worin der Auftrag Gottes bestand. Jesus hat ausgeführt, was er in seinem Hohenpriesterlichen Gebet (Joh  17,4) ausgesprochen hatte vor Gott:  Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit  ich es tue.
Liebe Karfreitagsgemeinde, es ist wirklich kein attraktiver Gott, der uns in diesem Gottesdienst begegnet. Wir können uns heute eben auch im Gotteshaus nicht davor drücken, von Blut und Opfer zu reden; Lieder zu singen, deren Sprache und Bilder nicht mehr die Massen anziehen; Bibeltexte zu hören, die einst den Karfreitag zum sogenannten höchsten evangelischen Feiertag machten und bei Protestanten weithin die sprichwörtliche Karfreitagsmentalität hervorbrachten:  innerlich und äußerlich zerknirscht.
Vielen bleibt deshalb nur übrig: Fisch, eine Spur Langeweile und eine gewisse gedrückte Stimmung – weil sie wohl etwas vom Ernst des Kreuzes ahnen, aber sich auf das dennoch Tröstliche und Heilmachende im Geschehen Golgata nicht einlassen wollen.
Uns als hier versammelte, mitleidende und mithoffende Gemeinde, bleibt uns da ebenfalls nur ein Predigttext, wie der eben vernommene, mit gewichtigen Begriffen, schwer verdaulich, ein Überbleibsel aus scheinbar fernen Zeiten, als den Göttern noch geopfert werden mußte, als noch Blut von den Altären floß?
Und doch gibt es zwei Kernworte in diesem komplizierten Gedankengang, die wie Lichtquellen wirken und die Bedeutung des Kreuzes erhellen:  Mittler des neuen Bundes – einmaliges Opfer.
Bund – das ist für uns ja weithin ein ganz alltägliches Wort. Da geht man 12 Monate zum Bund oder den Bund fürs Leben ein. Da ist vom Bund und den Ländern die Rede, vom europäischen Staatenbund. – Damals klang in diesem Wort noch eine andere Seite mit: Der Bund, den Gott mit seinen Menschen geschlossen hat: Ich will euer Gott und ihr sollt mein Volk sein, die sog. Bundesformel; und er gab ihnen Zeichen, Bundeszusagen für alle Zeit:
Bei Noah: der Regenbogen als Zeichen der alles umspannenden Güte Gottes trotz aller immer wiederkehrender Bosheit – bei Abraham: die Verheißung, gesegnet zu sein und für andere ein Segen zu werden – Bei Mose: die zehn Gebote als Wegweisung, sinnvoll, mit der von Gott geschenkten Freiheit umzugehen - -
Aber schon damals meinte der Begriff „Bund“ für viele zugleich Verpflichtung, in Anspruch genommen sein, Fessel und Last. Die sprichwörtlichen Verhältnisse in Sodom und Gomorrha, der sog. Tanz um das goldene Kalb – damit begann eine Reihe von Abkehrbewegungen: weg von diesem anscheinend unbequemen, stets fordernden Gott mit seinen störenden Propheten; hin zu einem nur von Menschen bestimmten Leben: in dem Erfolg, Macht und Glanz zählen; in dem Leiden und soziales Elend ausgegrenzt wird; eine Kluft zwischen Gottesdienst und Alltag sich auftut und die Gebote Gottes nicht mehr für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft gelten, sondern gut versteckt im Allerheiligsten des Tempels aufbewahrt sind ( so wie heute die Bibel im Regal).
Das Ende dieses Abfalls während der Königszeit Israels führte zum Zusammenbruch, in die äußere Gefangenschaft in Babylon und in die innere Trennung von Gott und dem bisher gewohnten religiösen Kult. Die alten Hohepriester hatten ausgedient, der Tempel stand nicht mehr, eine neue Beziehung zu Gott und dem Glauben, ein neuer Bundesschluß war erforderlich. Der Prophet Jeremia hat davon schließlich geredet und die Christen haben diesen neuen Bund erfüllt gesehen im Kommen, Wirken und Leiden Jesu:
Und so ist auch für den Hebräerbrief, diese quasi schriftliche Predigt an Christen zu allen Zeiten und an allen Orten, Jesus Christus der Mittler des verheißenen neuen Bundes: durch den wir hineingenommen sind in das Erbe des alten Testaments; der uns wie ein Dolmetscher das Wort Gottes, seinen Willen erklärt; dem wir uns anvertrauen dürfen als einem ehrlichen Makler unserer Sorgen und Hoffnungen; der eine Brücke schlägt über das Tal der Schuld, der Gottverlassenheit, des Zweifels und Todes; der zwischen Gott und dieser Welt vermittelt und so zugleich als Vermittler zwischen den Menschen wirkt; ein wahrer Hohepriester, der uns die Tür öffnet in das Zentrum der Gottesgegenwart und eine neue Begegnung ermöglicht, weil das Tuch reißt.
Dies alles sind Folgen des neuen Bundes, der am Karfreitag gültig für alle Welt auf der Höhe von Golgata abgeschlossen wird; ein ewiger Vertrag, ratifiziert durch Gottes eigenes Blut: das stellvertretende Opfer macht den Bundesschluß glaubwürdig und rechtskräftig; ein für allemal – weitere Opfer sind nicht mehr notwendig; es ist genug geopfert, es ist vollbracht.
Die Frage nach der Bedeutung des Blutopfers Gottes ist damit zugleich und zuerst eine Frage nach dem Sinn menschlicher Opfer: Denn mit Opfer haben wir alle unsere Erfahrungen, auch wenn wir mit dem Opfer von Karfreitag nicht mehr viel anzufangen wissen. Opfer, das sind nicht irgendwelche religiösen Bräuche aus vergangenen Zeiten. Opfer fordert unser Alltag heute: auf Straßen und in Bürgerkriegen, bei Rationalisierungen am Arbeitsplatz und zu hohen schulischen Erwartungen, durch Verfolgungen wegen Rasse und Religion und durch den gnadenlosen Verteilungskampf auf unserem Erdball, in Stasiakten und all den Abhängigkeiten, in die Menschen (manchmal unverschuldet) geraten. Die Strukturen unserer Zeit, in die wir selbst oft machtlos verstrickt sind, verlangen Opfer.
Ab und zu müssen es die nächsten Generationen büßen (Hes,2) oder die Opfer hinterlassen bei den Betroffenen Depressionen. Opfer, so verstanden, sind dann immer die wohl bedauerliche aber leider unumgängliche Konsequenz einer bestimmten Verkehrsdichte, einer hohen Gewaltbereitschaft, einer unausrottbaren Feindschaft, einer knallharten Konkurrenzsituation.
Diese Auffassung hat auch eine Entsprechung im religiösen Denken: Opfer werden dann als Besänftigung der Götter angesehen, um die Beleidigung der Gottheit durch die sündigen Menschen zu tilgen, um geschehene Frevel wiedergutzumachen.
Den Göttern nicht entrinnen zu können, für ein bestimmtes Schicksal bestimmt zu sein, dunklen Mächten nicht zu entkommen und eine gewisse Rate an Opfern einkalkulieren zu müssen – mit dieser verantwortungslosen und menschenverachtenden Haltung soll durch das ganz andere Opfer von Golgata ein für allemal Schluß sein. Das Kreuz will das alte Gesetz durchkreuzen:
Diese Mischung aus Fatalismus (es kommt, wie es halt sein soll) aus Resignation (wir können doch nichts machen) und dem Sündenbockmechanismus (man braucht einen Schuldigen und dann weiter wie gehabt), dieses Alte ist vergangen, Neues ist geworden.
Auch für diese neue Qualität des Opfergangs Jesus, damit wir alle Arten unsinniger Opfer soweit wie möglich vermeiden, hat unsere Alltagssprache eine Entsprechung: wir reden vom Opfer für die Familie und vom „sich-opfern“ für einen Kranken, oder davon: ich opfere meinem Freund das schönste Bild, das ich besitze. – Hier verstehen wir Opfer im Sinne von: Hingabe, Verzicht um des anderen willen, sich-verschenken, Zukunft öffnen.
Viel umfassender, viel tiefergehender und doch diese Gedankenrichtung verstärkend: so dürfen wir das Opfer von Karfreitag auffassen: als Zeichen der Hingabe Gottes ein für allemal. Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont sondern hingegeben (Röm 8,32). Diese endgültige und für alle gültigen Hin-gabe Gottes in seinem Sohn Jesus Christus, der zugleich unser Bruder sein möchte, sie befähigt uns, einander hinzugeben und dankbar mit unserem Leben auf das stellvertretende Sterben Christi zu antworten: (346,3)
Was wir nur haben, alles sei Gotte zum Opfer gesetzt – nicht, um ihn zu besänftigen, sondern weil er uns befreit von nutzlosen Opfern, über die wir klagen und unter denen wir stöhnen: zu wirklichen, von Herzen kommenden, rechtschaffenen Opfern, die uns wohl Verzicht zumuten und Anstrengung kosten, die jedoch sein wollen zum Segen der Menschen und zum Lobpreis Gottes. Und bekanntlich darf nur der Dank- und Trostlieder singen, der auch bereit ist, die Schreie der tatsächlichen Opfer zu vernehmen und seinen Mund aufzutun für die Sache der Stummen und Schwachen. Ihre Seufzer hat Jesus am Kreuz mit auf den Lippen und er stellt unsere persönliche Passion, das Leiden in dieser Welt mit hinein in das Licht des Ostermorgens, bis einst alle Opfer gesühnt und alle Leiden sinnerfüllt werden.
Die Opfer, die wir zweifelnd und klagend vor Gott bedenken, sind nicht einfach abgehakt, als unvermeidliches Restrisiko verrechnet – woran wir individuell leiden und diese Welt krankt ist vielmehr eingerückt in den Horizont der Hoffnung, letztlich dann verwandelt durch den Schein der Auferstehung. Nicht wir brauchen den Opfern krampfhaft und verlogen einen Sinn verleihen, sondern Gott nimmt sich selbst der Schmerzen an, der Schreie. Er wäscht sich seine Hände nicht in Unschuld, sondern taucht sie quasi in das Blut, das an Menschenhand klebt. Er durchbricht den Todeskreislauf von Lüge, Haß, Gewalt, Schuld. Das Zeichen der Zerrissenheit wird zum Garanten zukünftigen Heils: statt Eigengesetzlichkeit regiert nun die Versöhnung, in der Verzweiflung wächst Zuversicht. Amen
 
Lied 97,  Strophen 1 – 4   Holz auf Jesu Schulter
 
Hinführung zum Abendmahl
 
Heilig,heilig…
 
Gebet
Menschenfreundlicher Gott!
Im Kreuzestod Jesu bist du an unserer Stelle und Seite getreten.
Damit Schuld und Versagen nicht für ewig auf uns lasten.
Lass uns im Vertrauen auf deine Gnade und Treue dankbar annehmen, was du für uns getan hast –
Lass uns mit einem befreiten und getrosten Leben dir dienen und dich preisen in Zeit und Ewigkeit.  Amen
 
Vater unser…
 
Christe du Lamm Gottes…
 
Austeilung
 
Lied 98,  Strophen 1 – 3   Korn, das in die Erde fällt..
 
Fürbitten
 
Segen