Predigt aus der Reihe der „Ich – bin-Worte“ / Passionszeit 2026 hier: „Ich bin die Tür“
Frau Ulrike Müller
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
heute ist der zweite Sonntag einer Predigtreihe in den evangelischen Kirchen von Baden-Baden und dem Kooperationsraum. Die Reihe erstreckt sich über die Sonntage in der Passionszeit und umfasst die sieben klassischen Ich-bin-Worte Jesu aus dem Johannes-Evangelium.
Sie heißen: Ich bin das Brot des Lebens. Ich bin das Licht der Welt. Ich bin die Tür. Ich bin der gute Hirte. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bin der Weinstock.
Wo immer Jesus einen Satz mit „Ich bin“ beginnt, folgen besonders wichtige Aussagen. Er will dadurch mit Nachdruck unterstreichen, dass ihm als dem Sohn Gottes eine wahrhaft göttliche Sendung an uns Menschen aufgetragen ist.
Wir dürfen diese Worte betrachten wie Edelsteine aus Schatzkammer der Heiligen Schrift. Wir halten sie gegen das Licht der Sonne und nehmen ihr Strahlen und Leuchten in uns auf.
Wir dürfen diese Worte betrachten wie Edelsteine aus Schatzkammer der Heiligen Schrift. Wir halten sie gegen das Licht der Sonne und nehmen ihr Strahlen und Leuchten in uns auf.
Ich darf heute hier fortführen mit dem Wort Jesu: Ich bin die Tür.
Hören wir wie der Evangelist Johannes dieses Wort in seinem Buch eingebunden hat in das längere Gleichnis vom Hirten und den Schafen.
Unsere entsprechenden Verse stehen gleich am Anfang im
10. Kapitel, die Verse 1-11:
Unsere entsprechenden Verse stehen gleich am Anfang im
10. Kapitel, die Verse 1-11:
1»Amen, amen, das sage ich euch:
Wer nicht durch die Tür in den Schafstall hineingeht,
sondern anderswo einsteigt, ist ein Dieb und ein Räuber.
2Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirte der Schafe.
3Der Türhüter öffnet ihm, und die Schafe hören auf seine Stimme.
Er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie ins Freie.
4Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er vor ihnen her.
Die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme.
5Aber einem Fremden werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen.
Denn die Stimme von Fremden kennen sie nicht.«
6Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus.
Aber sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte.
7Da begann Jesus noch einmal:
»Amen, amen, das sage ich euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.
8Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber.
Aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
9Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet.
Er wird hinein- und hinausgehen und eine gute Weide finden.
10Der Dieb kommt nur, um die Schafe zu stehlen.
Er schlachtet sie und stürzt sie ins Verderben.
Ich bin gekommen, um ihnen das wahre Leben zu bringen –
das Leben in seiner ganzen Fülle.«
Ergeht es uns mit dem Wort von der Tür ähnlich wie den Leuten, denen es als erste gesagt wurde? Sie verstanden Jesus nicht so recht, was er meinte, als er sagte: Ich bin die Tür.
Jesus bezieht sich auf das, was er zu seiner Zeit jeden Tag vor Augen hatte: Ein Schafstall im alten Palästina war in der Regel kein festes Gebäude, sondern eine sogenannte »Hürde«. Die schützte nur notdürftig vor Wind und Regen. Eine solche Hürde war oft mit einer Ringmauer aus Steinen umgeben oben mit Dornengestrüpp bedeckt, das Diebe oder wilde Tiere fernhalten sollte.
Die Mauer war so hoch, dass kein Schaf von drinnen nach draußen springen konnte und kein wildes Tier von draußen nach drinnen. Es gab nur einen einzigen schmalen Eingang und da setzte sich der Hirte oder der Wächter hinein, sodass keiner hinein oder heraus konnte.
Die Schafherde wurde am Abend in diesen Pferch getrieben zum Schutz in der Nacht. Der Wächter am Eingang zum Schafspferch legte sich dann, wenn es dunkel wurde - quer in den Eingang hinein. Das war für die Nacht praktisch und bequem zugleich, denn: Wer hinein wollte zu den Schafen, der stolperte zwangsläufig über ihn.
Also: Der Wächter war tatsächlich auf diese Weise wie die Tür. Waren mehrere Herden unterwegs und war es eine große Hürde, kamen gleich mehrere Herden hinein. Ein Wächter saß dann im Tor. Am nächsten Morgen kamen die Hirten wieder und riefen ihre Herde. Die Schafe erkannten ihren Hirten an seiner Stimme und folgten ihm auf die nächste Weide.
Also: Der Wächter war tatsächlich auf diese Weise wie die Tür. Waren mehrere Herden unterwegs und war es eine große Hürde, kamen gleich mehrere Herden hinein. Ein Wächter saß dann im Tor. Am nächsten Morgen kamen die Hirten wieder und riefen ihre Herde. Die Schafe erkannten ihren Hirten an seiner Stimme und folgten ihm auf die nächste Weide.
Schafherden, Pferche, Hirten und Wächter können wir in dieser Art nur noch sehr selten betrachten, aber mit heutigen Türen haben wir auch so unsere Erfahrungen:
Jeden Tag begegnen wir Türen. Täglich durchschreiten wir Türen und Tore. Wir gehen durch sie ein und aus. Wir öffnen sie und schließen sie. Ohne Türen können wir uns unser alltägliches Leben gar nicht vorstellen. Sie gehören einfach wesentlich zu unseren Häusern, Gärten und Wohnungen.
Eine Tür ist die Verbindungsstelle zwischen zwei Räumen, zwischen drinnen und draußen. Aber eine Tür verbindet nicht nur, sie trennt auch. Eine verschlossene Tür, verriegelt, vielleicht mehrfach gesichert, wirkt ablehnend und abweisend. Durchgang verboten! Draußen bleiben! Kein Zutritt! Eine offene Tür dagegen wirkt einladend. Sie hat etwas Freundliches an sich.
Türen sind Symbole für Situationen in unserem Leben:
Es gibt Türen, die mir andere Menschen zuschlagen, aber auch Türen, die ich selbst zuschlage, absichtlich oder versehentlich. Manchmal gelingt es, eine verschlossene Tür wieder zu öffnen. Oft fehlt aber auch die Kraft oder der Mut. Manche Türen bleiben eine Zeit lang oder auch immer verschlossen.
Geradezu lebenswichtig sind Türen, die mir offengehalten werden. Das tun oft Menschen, die mir das Gefühl geben, dass ich bei ihnen zu Hause sein darf, selbst dann, wenn es mir nicht gut geht oder ich vielleicht mal sogar unausstehlich bin.
Menschen können wie Türen sein: verschlossen, ablehnend, abweisend. Aber auch: freundlich, offen füreinander, einladend.
Wir leben von offenen Türen zeitlebens.
Wir leben von offenen Türen zeitlebens.
Ganz am Anfang unseres Lebens steht schon ein prägendes Türerlebnis: die Geburt aus dem Mutterschoß. Wir sind eingetreten in dieses Leben. Welche Welt hat mich empfangen? Eine friedliche oder feindliche, eine bergende und fröhliche oder eine traurige und ablehnende?
Das Leben kennt auch eine letzte Tür: den Tod.
Manchmal geht diese Tür langsam zu, ganz langsam und leise. Manchmal geschieht es schnell und unerwartet.
Buchstäblich von einer Sekunde zur anderen ist die Verbindung abgerissen. Eben noch hat er gelebt, der geliebte Mensch. Eben noch hat man sich mit ihm verbunden gefühlt, hat ihn bei sich gewusst. All das ist mit einem Mal vorbei. Kein Anschauen mehr! Kein Gruß! Kein Lächeln! Keine Tränen! Kein Händedruck und keine Umarmung!
Ja, der Tod ist wie eine zugeschlagene Tür! Eine Macht, die Menschen voneinander trennt, die Verbindungen durchschneidet und auseinanderreißt!
Tod als letzte Tür meines Lebens. Wohin öffnet sich diese Tür? Etwa ins Nichts? – Oder in die Vollendung? Gibt es Licht und Freude, Glück und Leben jenseits des Todes?
Tod als letzte Tür meines Lebens. Wohin öffnet sich diese Tür? Etwa ins Nichts? – Oder in die Vollendung? Gibt es Licht und Freude, Glück und Leben jenseits des Todes?
Wir können nur glauben. Dem Wort und der Zusage dessen vertrauen, der von sich selbst sagt: „Ich bin die Tür.“
In ihm, in Jesus haben Menschen immer wieder eine offene Tür gefunden. Bei ihm haben sie erfahren, angenommen zu sein. Durch ihn haben sie Befreiung erfahren, Befreiung von dämonischen Mächten, von Krankheiten, von Zwängen, von Verachtung, ja Befreiung selbst vom Tod.
Die Evangelien sind voll von solchen Menschen. Einige kennen wir mit Namen: den Zöllner Zachäus z. B. oder Maria Magdalena.
Menschen, die immerzu verschlossene Türen erlebt haben, sie haben bei Jesus gespürt: Er hat eine Tür offengehalten. Er lässt uns nicht draußen. Er weist uns nicht ab. Er wendet sich uns zu. Er schenkt uns seine Freundschaft.
„Herr, zu wem sollen wir gehen?“ fragt Petrus einmal. Und bekennt dann selbst: „Du hast Worte des ewigen Lebens!“ (Joh 6, 68)
Das Johannesevangelium bündelt all diese Erfahrungen, wenn Jesus von sich sagt: „Ich bin die Tür, wer durch mich eingeht, wird gerettet werden.“ (Joh 10, 9)
Selbst dem Schächer am Kreuz hat Jesus noch eine Tür geöffnet, die Tür zur seligen Gemeinschaft mit ihm: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“
IHM vertrauen wir, dem der Vater im eigenen Tod die Tür des Lebens geöffnet hat. IHM vertrauen wir, der durch seinen Tod unseren Tod überwunden und Leben für alle erworben hat.
„Ich lebe“, sagt der Auferstandene, „und auch ihr werdet leben!“ – „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch eine Wohnung zu bereiten.“
„Ich bin die Tür“, sagt Jesus, „wer durch mich eintritt, wird gerettet werden. Er wird Leben haben, Leben in Fülle.“
Jesus ist die Tür zum Leben, die Tür von der Trauer zur Freude, vom Dunkel zum Licht, von der Mühsal und Not zu Hoffnung und Glück.
Versuchen wir jeden Tag – nicht nur in der Passionszeit - so zu leben und so zu wirken, dass wir einmal das beseligende Wort hören dürfen, das uns die Tür öffnet zur ewigen Gemeinschaft mit Gott:
„Komm, du guter und treuer Mensch (Knecht), tritt ein,
nimm teil an der Freude und am Festmahl deines Herrn!“ (Mt. 25,21)
„Komm, du guter und treuer Mensch (Knecht), tritt ein,
nimm teil an der Freude und am Festmahl deines Herrn!“ (Mt. 25,21)
Amen.
